Die 10 Ochsenbilder

Die 10 Ochsenbilder sind uralten Ursprungs und symbolisieren auf eine wunderbare Art den spirituellen Weg. Den Weg, den wir als Suchende gehen, um uns wieder zu entdecken und uns zu erfahren. Wir lernen das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden und befreien uns, um in einer Zufriedenheit und in einem Glücklichsein den Pfad des Lebens bewusst und erwacht zu gehen.

1 Der Ochse ist in Wirklichkeit nie verloren gegangen. Warum ihn also suchen? Da der Mensch sich von seinem wahren Wesen abgewandt hat, ist der Ochse ihm fremd geworden. Im Staub hat er ihn aus den Augen verloren. Weit ist der Mensch von seiner Heimat abgeirrt und sieht sich nun einem Wirrsal von Wegen gegenüber. Gier nach Gewinn und Furcht vor Verlust schießen wie sengende Flammen empor, Vorstellungen von Recht und Unrecht stehen gleich Dornen auf.
2 Durch Sutras und Lehren findet er die Spur des Ochsen. Er hat genau verstanden, dass verschieden geformte (goldene) Gefässe doch alle vom gleichen Gold sind und dass gleichermaßem alles und jedes eine Offenbarung des Selbst ist. Doch kann er noch nicht Gut und Böse unterscheiden, nicht Wahrheit von Trug. Noch ist er nicht wirklich durch das Tor eingetreten. Deshalb nennt man dieses Stadium "Erblicken der Spuren".
3 Wenn er nur gespannt auf die alltäglichen Laute horcht, wird er zur Erkenntnis gelangen und in eben diesem Augenblick den wahren Ursprung erblicken. Die sechs Sinne unterscheiden sich nicht von diesem wahren Ursprung. In jedem Wirken ist der Ursprung unverhüllt gegenwärtig. Er entspricht dem Salz im Wasser, dem Leim in der Farbe des Malers. Wenn der Hirte die Augen weit aufschlägt, wird er inne, dass das Gesehene vom Ursprung nicht verschieden ist.
4 Heute hat er den Ochsen getroffen, der lange in der Wildnis umhergestreift war. Doch der Ochse schwelgte so lange in dieser Wildnis, dass es nicht leicht ist, ihn von seinen alten Gewohnheiten loszureissen. Er sehnt sich nach dem süss duftenden Gras, noch ist er eigensinnig und wild. Will der Hirte ihn zähmen, so muss er zur Peitsche greifen.
5 Erhebt sich ein Gedanke, so folgen weitere und weitere. Gedanken werden durch Erleuchtung wirklich, infolge der Verblendung werden sie unwirklich. Die Dinge erhalten ihr Dasein nicht durch die Umwelt, sondern sie erheben sich einzig im eigenen Geiste. Fest muss der Ochsenhirt das Leitseil packen und darf keinen Zweifel eindringen lassen.
6 Der Kampf ist vorüber: "Gewinn" und "Verlust" haben sich in Leere aufgelöst. Der Hirte singt die ländliche Weise der Holzfäller und spielt auf der Flöte die einfachen Lieder der Dorfkinder. Er sitzt bequem auf dem Rücken des Ochsen und blickt heiter zu den Wolken droben auf. Ruft man ihn an, so sieht er sich nicht um, will man ihn festhalten, so bleibt er doch nicht hier.
7 Im Dharma gibt es keine Zweiheit. Der Ochse ist unser urinnerstes Wesen — die hat er nun erkannt. Eine Falle ist nicht mehr erforderlich, wenn der Hase gefangen ist, ein Netz nicht mehr von Nöten, wenn der Fisch geködert wurde. Es ist, als wäre Gold von der Schlacke befreit worden, als wäre der Mond zwischen den Wolken zum Vorschein gekommen. Ein Strahl von klarstem Glanz scheint immerdar vom Urbeginn an.
8 Aller Verblendung ist er ledig und auch alle Vorstellungen von Heiligkeit sind verschwunden. Nicht länger mehr braucht er "In-Buddha" zu verweilen und schnell geht er durch "Nicht-Buddha" hindurch weiter. Auch die tausend Augen können an ihm, der an keinem von beiden mehr haftet, nichts bemerken. Wollten Hunderte von Vögeln ihm nun Blumen streuen, er würde sich seiner selbst schämen.
9 Von Urbeginn an gibt es keinerlei Staub (der die ursprüngliche Reinheit befleckte). Der Hirte beobachtet das Werden und Vergehen des Lebens in der Welt und weilt in gelassener Ruhe. All das (Werden und Vergehen) ist kein Wahn. Warum sollte es notwendig sein, um irgendetwas zu ringen. Blau sind die Gewässer, grün die Berge. In sich ruhend, betrachtet er den Wandel der Dinge.
10 Die Tür seiner Hütte ist verschlossen und selbst der Weiseste kann ihn nicht ausfindig machen. Die Gefilde seines Innern sind tief verborgen. Er geht seinen Weg und folgt nicht den Schritten früherer Weiser. Er kommt mit der Kürbisflasche auf den Markt und kehrt mit seinem Stab in die Hütte zurück. Schankwirte und Fischhändler führt er auf den Weg, ein Buddha zu werden.

Mit entblösster Brust
kommt er barfuss zum Markte.
Schmutzbedeckt
und mit Asche beschmiert,
lacht er doch breit
übers ganze Gesicht.
Ohne Zuflucht zu mystischen Kräften
bringt er verdorrte Bäume
schnell zum Blühen.

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