Dritte Kraft: Humanistische Psychologie

Die Humanistische Psychologie versteht sich neben der Psychoanalyse und Verhaltenstherapie (Behaviorismus) als die "Dritte Kraft". Die Humanistische Psychologie wendet sich gegen kausal-deterministische Auffassungen vom Menschen und gegen mechanistische Therapieverfahren.

Sie versucht durch wissenschaftliches und praktisches Handeln ihren Beitrag zur Entwicklung menschenwürdigeren und ökologischen Umwelt zu leisten und Lebensverhältnisse zu schaffen, welche sowohl die persönliche Entfaltung jedes einzelnen als auch seine Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft fördern. Personen mit psychologischem Hintergrund , die dieser 'Dritten Kraft' zugehören waren u.a. Abraham Maslow, Charlotte Bühler, aus der Gestalttherapie Fritz und Laura Perls, Paul Goodman, aus der klientenzentrierten Therapie C.R. Rogers, aus dem Psychodrama Moreno und Vertreter der Körperpsychotherapien (u.a. W. Reich, Lowen, Boyeson, etc.). VertreterInnen der Gestaltpsychologie (Köhler, Lewin, Goldstein) standen dieser 'Dritten Kraft' ebenso nahe wie philosophische VertreterInnen des Existentialismus (Buber, Kierkegaard, Jaspers, Heidegger, Binswanger), der Hermeneutik und der Phänomenologie (Husserl, Scheler). Bekanntestes Zentrum der Humanistischen Psychologie wurde Esalen.

Wesentliche Grundpostulate der Humanistischen Psychologie sind:

  • Das menschliche Wesen ist wie jedes Lebenswesen mehr als die Summe seiner Teile. Diese Formulierung aus der Gestaltpsychologie bedeutet, dass trotz der Wichtigkeit der Kenntnis seiner Einzelfunktionen die Einzigartigkeit des Individuums als Ganzheit und Organismus Vorrang hat. Ganzheit oder Ganzheitlichkeit sind wichtige philosophische Annahmen und bedeuten praktisch in der Humanistischen Psychotherapie, dass immer integrativ gearbeitet wird und die Person immer als Ganzheit in ihren Lebensbezügen verstanden wird.
  • Menschliches Existieren vollzieht sich in zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Humanistische Psychologe sieht den Menschen in seinem zwischenmenschlichen Potential als ein soziales Wesen in seinen Begegnungen. Die Bezogenheit aufeinander und das Miteinander drückt Buber wunderschön aus: Alles Leben ist Begegnung.
  • Ein Wesensmerkmal des Menschen ist es, dass er bewusst leben und bewusst erleben kann. Er kann Bewusstheit über sich selbst (Selbstbesinnung), sein Verhalten und dessen Wirkung erreichen. Somit sind Erleben und Erfahrung in Bewusstheit die wichtigsten Annahmen der Humanistischen Psychotherapie. Es wird immer davon ausgegangen, was im Hier und Jetzt da ist, dem subjektiven Erleben, der subjektiven Bedeutungsbildung und dem aktuellen Bedürfnis einer Person.
  • Der Mensch ist in der Lage zu wählen und zu entscheiden. Er kann sich ändern und aktiv gestaltend auf sein Leben einwirken und sein Potential nutzen. Er ist nicht Opfer, sondern wählt frei und selbstverantwortlich, wohin er sich entwickeln möchte. Wandel ist unvermeidbar, das Leben ist ein Prozess und Entwicklung ist ein positiv besetzter, natürlicher Wert. Der Mensch ist Gestalter seiner eigenen Existenz.
  • Der Mensch lebt intentional (zielgerichtet und zielorientiert) und hat eine gerichtete Orientierung, die einen Teil seiner Identität bilden. Diese wichtige Annahme - die Gerichtetheit - im Humanistischen Denkmodell gibt etwas im Menschen, das wachsen und sich entfalten will. Diese Tendenz ist allen lebendigen Systemen eigen, während die Umwelt dabei hinderlich oder förderlich sein kann. C.G. Rogers nannte dies die Aktualisierungstendenz im Menschen. In der Bedürfnis-Hierarchie nach Maslow finden wir nicht nur Grundbedürfnisse zur Homöostase (Hunger, Durst, Sicherheit, Sozialkontakte, Bestätigung), sondern auch das Bedürfnis nach Wachstum und Selbstverwirklichung. Das ist die Antriebs- und Motivationsquelle in der Humanistischen Psychologie. Grundsätzlich ist der Organismus vertrauenswürdig, er muss nicht erzogen, reglementiert oder sozialisiert werden, wenn er die Moralentwicklung nach Kohlberg ungetrübt durchleben konnte.

Bedeutung der Humanistischen Psychologie auf die Psychotherapie:

In den Therapierichtungen auf der Grundlage der Humanistischer Psychologie stehen weniger Techniken, sondern vielmehr die Haltung des Therapeuten im Vordergrund. Die (therapeutische) Beziehung ist selbst Therapie und als solche wirksam. Im Klient, bzw. in der Klientin ist das Heilpotential vorhanden, sich ändern zu können. Der bzw. die Therapeutin ist "lediglich" AnbieterIn bzw. kompetente/r authentische/r BegleiterIn einer wachstumsfördernden Beziehung.

Rogers beschrieb drei Grundhaltungen dieser Beziehung:
Empathie:

Der Therapeut oder die Therapeutin versucht, das, was der Klient erzählt und zeigt, in seinem Bezugsrahmen zu verstehen. Wesentlich ist, wie er es versteht. Man versucht seine Einfühlung so zu richten, dass man so nah wie möglich an die Art und Weise herankommt, wie jemand in seiner Welt lebt.

Akzeptanz:

Ohne Bedingungen wird akzeptiert, wie es beim Klient ist. Das heisst dass immer die innere Haltung da ist, zu versuchen den anderen zu verstehen.

Kongruenz:

Man hat Zugang zu seinem eigenen inneren Erleben. Die Bereitschaft sich jederzeit mitzuteilen und zuzumuten. Man ist sich selbst seiner eigenen Präsenz bewusst.

Diese "korrigierende Beziehung" kann dem Klienten dazu verhelfen, sich jetzt nicht mehr abgewertet zu fühlen und sich selber akzeptieren zu können. In diesem realen Kontakt, sich selber zu begegnen, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zu erleben, ist heilsam.

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